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Mode · 3 Min. Lesezeit

Stil(los)

Stil(los)

Der Pariser Chic ist zurück. Selbstverständlich war er nie wirklich weg. Modemarken wie Chanel, Dior und Saint Laurent haben ihre Markenidentität auf diesem Stil aufgebaut. Doch erst mit Diors Spring/Summer-Kollektion 2027 wird der Stil erneut zum angesagten Trend. Doch warum eigentlich gerade jetzt? Der Grund ist traurig. Chefdesigner Jonathan Anderson widmet seine Kollektion der im August tragisch verunglückten PR-Managerin des Hauses, Mathilde Favier. Madame Favier galt als französische Stilikone schlechthin. Sie strahlte es einfach aus, dieses gewisse „Je ne sais quoi“, für das der französische Stil, der Pariser Chic, weltweit so bekannt ist. Unverwechselbar waren vor allem ihr Gespür für individuelle Statement-Schmuckstücke und hochwertige Materialien sowie ihr Talent, Haute-Couture-Mode mit legeren Basics wie z. B. einem Kaschmirpullover zu kombinieren.

Was sie wohl von dem Bra-Trend für die nächste Saison gehalten hätte? Während einige darin eine Erweiterung des Pariser Chic zu erkennen glauben, mögen sich andere fragen, wo die Grenze zum Verlust dessen liegt. Denn der Pariser Chic war vor allem immer eins: elegant. Lässig, ja. Aber angezogen. Kreativ, kokett. Manchmal sogar revolutionär. Aber nie selbstdarstellerisch. Insbesondere bei verruchten, aufreizenden Looks ging es immer darum, die Fantasie am Leben zu erhalten. Es geht um den voyeuristischen Blick, mit dem wir etwas beobachten, das wir eigentlich nicht sehen dürfen. Das macht doch erst den Reiz aus. Ein tiefes Dekolleté, das nur sporadisch unter dem eleganten Blazer hervorblitzt, ein seitlicher Schlitz im Rock, der in Bewegung den ein oder anderen Blick auf die langen Beine erhaschen lässt. Coco Chanel formulierte es einst so: „Lebenskunst ist die Kunst des richtigen Weglassens. Das fängt beim Reden an und endet beim Dekolleté.“ Was davon bleibt übrig, wenn wir alles direkt zeigen? Und ist das noch Modekunst? Ist das noch stilvoll?

Prominente wie Rihanna und Influencer-Größen wie Caro Daur schlagen aus dem Trend zumindest Profit. Die Sängerin ließ bereits im September anlässlich der diesjährigen Fashion Week übergroße BHs und Slips ihrer Lingerie-Marke Savage X Fenty über Manhattan schweben. So geht Werbung der Superlative. Caro Daur wurde bereits mehrfach, u. a. auf dem roten Teppich bei der diesjährigen Berlinale, im BH zum offenen Blazer gesichtet. Diese Persönlichkeiten des öffentlichen Interesses wollen allerdings auch auffallen und provozieren, um eben dieses Interesse nicht zu verlieren. Von der Aufmerksamkeit der Medien, gemessen an ihren Views und Likes, hängen sowohl ihre Aktualität als auch ihr Verkaufswert ab. Aber dieses hartnäckige Heischen um Aufmerksamkeit sollte noch längst nicht mit gutem Stil verwechselt werden. Und ebenso wenig sollte es als alltagstauglich dargestellt werden.

Denn die Tragbarkeit des Trends ist für den vor allem modisch eher konservativen deutschen Durchschnittsbürger schlicht nicht gegeben. Wer seine Brötchen nicht tagtäglich durch das Räkeln im nächsten großen Musikvideo verdient oder anderweitig in der toleranten Kreativbranche untergebracht ist, würde im Büro mehr als nur schief angesehen werden. Vielmehr drohten ein Gang zum Chef und der Verweis von der Arbeit. Nach Hause geschickt zu werden wie ein Teenager. Sehr erwachsen. Das hat dann auch mit revolutionärer Mode nichts mehr zu tun. Das ist einfach nur peinlich.

Wir haben es alle verstanden: Die 90er sind mit ihrem Sexappeal zurück im Modeolymp. Nach Jahren, in denen Komfort, Oversized-Schnitte und seriöse Zurückhaltung dominierten, steuert die Modebranche nun das gegensätzliche Extrem an. Die Schnitte werden wieder femininer, taillierter und ausdrucksstärker. Aber geht das nicht trotzdem noch gut angezogen statt ausgezogen?

Natürlich gibt es, wie bei fast allen Trends, unterschiedliche Interpretationen und Abstufungen des Bra-Trends. Bei manchen Stylings blitzt er wirklich nur unter einer weiter geöffneten Bluse hervor oder sticht durch Kontrastfarben heraus (z. B. als schwarzer BH unter der weißen Bluse). Und auch der modische Twist, den BH über das T-Shirt oder die Bluse zu ziehen und ihn so von seinem Status als Tabu-Element der Garderobe zu befreien, mag vielleicht noch nachvollziehbar und mit dem Pariser Chic vereinbar sein. Schließlich wurde dieser stets von avantgardistischen, mutigen Frauen vorangetrieben.

Aber den Büstenhalter als eigenes Oberteil verkaufen zu wollen? Das hat, selbst in Kombination mit Oversized-Schnitten, weder Reiz noch Stil. Das ist einfach nur provokant. Und das hat die Modebranche anscheinend gerade nötig, um bei der jetzigen Weltwirtschaftslage noch Beachtung zu finden.

Mathilde Favier war nie eine Freundin der Selbstdarstellung. Das gilt ebenso für den Pariser Chic, der perfekt mit dem Quiet-Luxury- und Handmade-Trend der letzten Jahre harmoniert und auf diesen Trends aufbaut. Sogar der momentan allseits verbreitete Trend des „Humanmade“, also Handmade mit kleinen Makeln, harmoniert mit dem verspielten, nicht allzu ernsten französischen Stil. „Humanmade“ überzeugt durch seine kleinen Schwächen, die eine gewisse Leichtigkeit mit sich bringen. Sie zeugen von Menschlichkeit und individuellem Charakter.

Selbstdarstellung und Provokation hingegen galten noch nie als erstrebenswerte Charaktereigenschaften. Sie erscheinen schlichtweg stillos.

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